Exhibitions

Cover des gleichnamigen Katalogs zur Ausstellung
Das Forum der Neuen Schule für Fotografie präsentiert:
Die Erfindung des Realen 2009
Ergebnisse eines Seminars mit Wolfgang Zurborn
Eröffnung: Samstag, 15. Mai 2010, 18 Uhr
18. Mai - 12. Juni 2010, Dienstag - Samstag, 14-18 Uhr
Forum der Neuen Schule für Fotografie, Brunnenstr. 188-190, 10119 Berlin
Fotografien von: Marina d’Oro, Oliver Gerhartz, Beate Hoerkens, Christian Kosfeld, Xavier Ribes, Dieter Seitz, Ruth Stoltenberg, Lena Treugut, Martina Zschocke
Die Stadt als lebender Organismus. Walter Ruttmann hat schon 1927 in seinem berühmten Film „Berlin. Die Symphonie einer Großstadt“ eindrucksvoll deutlich gemacht, dass es kein Widerspruch sein muss, das künstlerische Experiment zu suchen und dabei doch ein Dokument seiner Zeit zu schaffen. In rhythmischen Montagen hat er den Puls des modernen Lebens eingefangen. Bilder und Musik verdichten die Energien des Urbanen. Der Gedanke, ein objektives Bild der Welt entwerfen zu können, liegt hier sehr fern. Ist es möglich, mit dem Medium der Fotografie eine ähnlich komplexe Vision zu entwerfen? Eine wichtige Voraussetzung dafür ist es, die immer noch existierende ideologische Kluft aufzuheben zwischen dem dokumentarischen Abbild der Lebensräume mit dem Anspruch auf Objektivität einerseits und einer subjektiven Wahrnehmung unserer Welt andererseits, die sich der Konstruktion von Wirklichkeit bei jeder fotografischen Arbeit bewusst ist.
In dem Seminar Die Erfindung des Realen von Wolfgang Zurborn an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf ein Experiment des Sehens eingelassen, auf eine Suche nach fotografischen Bildern, die Ausdruck ihres ganz persönlichen Erlebens der Stadt sind, von ironischer Distanz bis hin zu melancholischer Verschmelzung. In der Addition fügen sich diese Visionen des Urbanen wie ein Puzzle zu einem komplexen Dokument über unsere medial geprägten Städte zusammen. Die Identität der heutigen von Massenmedien durchdrungenen Städte besteht gerade darin, dass sie keine einheitlichen Räume mehr darstellen, sondern aus vielen Teilräumen bestehen, die sich nur für den wachen Betrachter wieder wie in einer Collage verknüpfen.
In sehr humorvoller Weise gelingt dies Oliver Gerhartz mit seiner Serie Urban Fractions. Flüchtige Alltagsmomente an merkwürdigen Unorten im Stadtraum verdichten sich in seinen Fotografien zu hochkomplex verschachtelten Bildwelten. Jedes Bild erzählt eine eigene Geschichte von den alltäglichen Verwirrungen im urbanen Labyrinth, gespeist von den Mythen der omnipräsenten Werbung. Es sind dabei keine offensichtlichen Pointen, die den Betrachter fesseln. Der Witz in den Fotografien von Oliver Gerhartz liegt vielmehr im oft grotesken Zusammenspiel aller Details wie in den Filmen von Jacques Tati.
Der Titel der Arbeiten Models of Beijing von Marina d’Oro macht schon deutlich, dass wir es nicht mit reinen Dokumenten aus dem heutigen China zu tun haben. Das subtile Zusammenspiel der Teilsegmente in ihren Bildmontagen schafft einen Schwebezustand zwischen Beschreibung und Imagination. Mit der Fotografin nähern wir uns tastend einer fremden Welt, allen von den Medien verbreiteten klischeehaften und vereinfachenden Images von China entgegengesetzt.
Die S/W-Fotografien von Xavier Ribes lenken den Blick wieder auf uns vertraute Orte. Wir lassen uns mit ihnen durch unsere Städte treiben als echte Flaneure ohne klar definiertes Ziel. Die expressiven Bilder mit ihren oft dramatischen Lichtkontrasten üben eine Sogwirkung auf uns aus und lassen uns taumeln in eine fast filmisch wirkende Szenerie. Mit Spiegelungen, Durchblicken und Unschärfen kreiert er in seinen Fotografien mehrschichtige Bildebenen, in denen Stadtraum, Architektur, Schaufenster, Konsumgüter und Schrift wie unwahrscheinliche Welten wirken und dabei doch Komprimierungen des Realen darstellen.
Ruth Stoltenberg fasziniert ebenfalls die Schnittstelle zwischen konkreten und imaginativen Räumen in der Stadt. Mit ungewöhnlichen Perspektiven und einem sehr eigenwilligen fragmentarischen Blick filtert sie aus dem Chaos der uns umflutenden Bilder- und Zeichenwelten präzise formulierte Kurzgeschichten heraus. Sie entführt uns in ihren Stadt Traum, bei dem alle logischen und funktionalen Kontexte aufgehoben scheinen. Die abgebildeten Räume und Objekte entwickeln gerade deshalb eine starke sinnliche Präsenz, die unsere Phantasie beflügelt und sie dabei auch ins Absurde driften lässt.
Wie in einem Tagtraum bewegen sich die Menschen in der Serie shift von Lena Treugut durch architektonische Räume. Auf einigen Bildern erscheinen sie als anonyme schemenhafte Figuren, auf anderen tauchen wir tief in die Physiognomie einer Person ein. Distanz und Nähe sind die Pole, zwischen denen die Fotografin mit ihren sehr persönlichen Visionen pendelt. Die sehr ausschnitthaft dargestellten urbanen Räume dienen dabei nicht einer konkreten Verortung der Szenerien, sondern definieren einen Bezugsrahmen, in dem emotionale Spannungen sichtbar werden.
Bei der Arbeit Visions in the Night von Christian Kosfeld sind es dagegen genau die vorgefundenen Orte, die eine magische Anziehungskraft ausstrahlen. Sehr detailgenau und präzise beschrieben, entrückt sie das künstliche Licht ihrer funktionalen Bestimmung und lässt sie wie Bühnenbilder wirken. Der Verzicht auf theatralische Effekte macht es möglich, dass der besondere Charakter der Stadträume erhalten bleibt und die Fotografien ihre ganz eigene Qualität in der Ambivalenz zwischen Dokument und Inszenierung entfalten können.
Das Theater des realen Lebens spielt sich für Martina Zschocke in Straßencafés ab. In ihren S/W-Fotografien urban.cafés: city portraits spürt sie trotz aller Globalität den besonderen Charakter der Cafés in den unterschiedlichsten Städten der Welt auf. Ihr Interesse gilt dabei den täglich sich wiederholenden Ritualen des Cafébesuchs, der verlockenden Tasse Cappuccino, dem Versunkensein in die Lektüre eines Buches und dem Gefühl, sich in einer Gemeinschaft zu befinden. Die Geborgenheit, die einem das Café für einen Moment verleiht, wird gerade im Kontrast zu den Ausblicken auf das Leben in der Straße eindrücklich erfasst und als Betrachter kann man ahnen, wo man sich gerade befindet, in London, Kyoto, Prag oder New York.
Die Menschen in den Fotografien von Dieter Seitz haben dagegen keinen Schutzraum. Sie wirken verloren innerhalb der Traumwelten unserer Konsumgesellschaft. Wie sollen sie auch ein Bewusstsein für sich selbst entwickeln können bei der permanenten Berieselung mit den allgegenwärtigen Mythen der Massenkultur? Volksfest oder Werbeveranstaltung – alle Events folgen den selben Regeln des Spektakels mit sehr durchschaubaren Inszenierungen. Bleibt da noch die Möglichkeit, sich in dieser Welt einzurichten, oder haben die Akteure in den präzise gesehenen Momentaufnahmen zwischen Illusion und Desillusionierung einfach ausgeträumt?
Fluchten aus dem Alltag bieten die Plakate, die Beate Hoerkens für ihre Urban Images auf Litfass-Säulen, Bauzäunen, Laternenpfählen und abbröckelnden Wänden gefunden hat. Die Verlockungen und Botschaften, die Blicke der Stars aller Couleur, die uns in den Bann ziehen wollen, greift sie auf und treibt mit ihnen ihr ganz eigenes Spiel. Sie hat ein sehr feines Gespür für den glücklichen Zufall, der durch Verwitterung und Überkleben der Plakate ganz neue Sinnzusammenhänge entstehen lässt. Vorgefundene Collagen kombiniert sie nochmals zu hochkomplexen Bildmontagen.
Diese sehr unterschiedlichen Annäherungen an den urbanen Raum werden in der Ausstellung in den Galerieräumen der Neuen Schule für Fotografie in Berlin in einen spannungsvollen Dialog zueinander gesetzt. Gerade die vielfältigen Bezüge zwischen Mensch, Architektur und Medien in ihren sehr subjektiven Ausformulierungen bilden ein komplexes Netz, das dem Bild der Stadt als ein organisches System gerecht wird.
Die Erfindung des Realen 2009
Ergebnisse eines Seminars mit Wolfgang Zurborn
Eröffnung: Samstag, 15. Mai 2010, 18 Uhr
18. Mai - 12. Juni 2010, Dienstag - Samstag, 14-18 Uhr
Forum der Neuen Schule für Fotografie, Brunnenstr. 188-190, 10119 Berlin
Fotografien von: Marina d’Oro, Oliver Gerhartz, Beate Hoerkens, Christian Kosfeld, Xavier Ribes, Dieter Seitz, Ruth Stoltenberg, Lena Treugut, Martina Zschocke
Die Stadt als lebender Organismus. Walter Ruttmann hat schon 1927 in seinem berühmten Film „Berlin. Die Symphonie einer Großstadt“ eindrucksvoll deutlich gemacht, dass es kein Widerspruch sein muss, das künstlerische Experiment zu suchen und dabei doch ein Dokument seiner Zeit zu schaffen. In rhythmischen Montagen hat er den Puls des modernen Lebens eingefangen. Bilder und Musik verdichten die Energien des Urbanen. Der Gedanke, ein objektives Bild der Welt entwerfen zu können, liegt hier sehr fern. Ist es möglich, mit dem Medium der Fotografie eine ähnlich komplexe Vision zu entwerfen? Eine wichtige Voraussetzung dafür ist es, die immer noch existierende ideologische Kluft aufzuheben zwischen dem dokumentarischen Abbild der Lebensräume mit dem Anspruch auf Objektivität einerseits und einer subjektiven Wahrnehmung unserer Welt andererseits, die sich der Konstruktion von Wirklichkeit bei jeder fotografischen Arbeit bewusst ist.
In dem Seminar Die Erfindung des Realen von Wolfgang Zurborn an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf ein Experiment des Sehens eingelassen, auf eine Suche nach fotografischen Bildern, die Ausdruck ihres ganz persönlichen Erlebens der Stadt sind, von ironischer Distanz bis hin zu melancholischer Verschmelzung. In der Addition fügen sich diese Visionen des Urbanen wie ein Puzzle zu einem komplexen Dokument über unsere medial geprägten Städte zusammen. Die Identität der heutigen von Massenmedien durchdrungenen Städte besteht gerade darin, dass sie keine einheitlichen Räume mehr darstellen, sondern aus vielen Teilräumen bestehen, die sich nur für den wachen Betrachter wieder wie in einer Collage verknüpfen.
In sehr humorvoller Weise gelingt dies Oliver Gerhartz mit seiner Serie Urban Fractions. Flüchtige Alltagsmomente an merkwürdigen Unorten im Stadtraum verdichten sich in seinen Fotografien zu hochkomplex verschachtelten Bildwelten. Jedes Bild erzählt eine eigene Geschichte von den alltäglichen Verwirrungen im urbanen Labyrinth, gespeist von den Mythen der omnipräsenten Werbung. Es sind dabei keine offensichtlichen Pointen, die den Betrachter fesseln. Der Witz in den Fotografien von Oliver Gerhartz liegt vielmehr im oft grotesken Zusammenspiel aller Details wie in den Filmen von Jacques Tati.
Der Titel der Arbeiten Models of Beijing von Marina d’Oro macht schon deutlich, dass wir es nicht mit reinen Dokumenten aus dem heutigen China zu tun haben. Das subtile Zusammenspiel der Teilsegmente in ihren Bildmontagen schafft einen Schwebezustand zwischen Beschreibung und Imagination. Mit der Fotografin nähern wir uns tastend einer fremden Welt, allen von den Medien verbreiteten klischeehaften und vereinfachenden Images von China entgegengesetzt.
Die S/W-Fotografien von Xavier Ribes lenken den Blick wieder auf uns vertraute Orte. Wir lassen uns mit ihnen durch unsere Städte treiben als echte Flaneure ohne klar definiertes Ziel. Die expressiven Bilder mit ihren oft dramatischen Lichtkontrasten üben eine Sogwirkung auf uns aus und lassen uns taumeln in eine fast filmisch wirkende Szenerie. Mit Spiegelungen, Durchblicken und Unschärfen kreiert er in seinen Fotografien mehrschichtige Bildebenen, in denen Stadtraum, Architektur, Schaufenster, Konsumgüter und Schrift wie unwahrscheinliche Welten wirken und dabei doch Komprimierungen des Realen darstellen.
Ruth Stoltenberg fasziniert ebenfalls die Schnittstelle zwischen konkreten und imaginativen Räumen in der Stadt. Mit ungewöhnlichen Perspektiven und einem sehr eigenwilligen fragmentarischen Blick filtert sie aus dem Chaos der uns umflutenden Bilder- und Zeichenwelten präzise formulierte Kurzgeschichten heraus. Sie entführt uns in ihren Stadt Traum, bei dem alle logischen und funktionalen Kontexte aufgehoben scheinen. Die abgebildeten Räume und Objekte entwickeln gerade deshalb eine starke sinnliche Präsenz, die unsere Phantasie beflügelt und sie dabei auch ins Absurde driften lässt.
Wie in einem Tagtraum bewegen sich die Menschen in der Serie shift von Lena Treugut durch architektonische Räume. Auf einigen Bildern erscheinen sie als anonyme schemenhafte Figuren, auf anderen tauchen wir tief in die Physiognomie einer Person ein. Distanz und Nähe sind die Pole, zwischen denen die Fotografin mit ihren sehr persönlichen Visionen pendelt. Die sehr ausschnitthaft dargestellten urbanen Räume dienen dabei nicht einer konkreten Verortung der Szenerien, sondern definieren einen Bezugsrahmen, in dem emotionale Spannungen sichtbar werden.
Bei der Arbeit Visions in the Night von Christian Kosfeld sind es dagegen genau die vorgefundenen Orte, die eine magische Anziehungskraft ausstrahlen. Sehr detailgenau und präzise beschrieben, entrückt sie das künstliche Licht ihrer funktionalen Bestimmung und lässt sie wie Bühnenbilder wirken. Der Verzicht auf theatralische Effekte macht es möglich, dass der besondere Charakter der Stadträume erhalten bleibt und die Fotografien ihre ganz eigene Qualität in der Ambivalenz zwischen Dokument und Inszenierung entfalten können.
Das Theater des realen Lebens spielt sich für Martina Zschocke in Straßencafés ab. In ihren S/W-Fotografien urban.cafés: city portraits spürt sie trotz aller Globalität den besonderen Charakter der Cafés in den unterschiedlichsten Städten der Welt auf. Ihr Interesse gilt dabei den täglich sich wiederholenden Ritualen des Cafébesuchs, der verlockenden Tasse Cappuccino, dem Versunkensein in die Lektüre eines Buches und dem Gefühl, sich in einer Gemeinschaft zu befinden. Die Geborgenheit, die einem das Café für einen Moment verleiht, wird gerade im Kontrast zu den Ausblicken auf das Leben in der Straße eindrücklich erfasst und als Betrachter kann man ahnen, wo man sich gerade befindet, in London, Kyoto, Prag oder New York.
Die Menschen in den Fotografien von Dieter Seitz haben dagegen keinen Schutzraum. Sie wirken verloren innerhalb der Traumwelten unserer Konsumgesellschaft. Wie sollen sie auch ein Bewusstsein für sich selbst entwickeln können bei der permanenten Berieselung mit den allgegenwärtigen Mythen der Massenkultur? Volksfest oder Werbeveranstaltung – alle Events folgen den selben Regeln des Spektakels mit sehr durchschaubaren Inszenierungen. Bleibt da noch die Möglichkeit, sich in dieser Welt einzurichten, oder haben die Akteure in den präzise gesehenen Momentaufnahmen zwischen Illusion und Desillusionierung einfach ausgeträumt?
Fluchten aus dem Alltag bieten die Plakate, die Beate Hoerkens für ihre Urban Images auf Litfass-Säulen, Bauzäunen, Laternenpfählen und abbröckelnden Wänden gefunden hat. Die Verlockungen und Botschaften, die Blicke der Stars aller Couleur, die uns in den Bann ziehen wollen, greift sie auf und treibt mit ihnen ihr ganz eigenes Spiel. Sie hat ein sehr feines Gespür für den glücklichen Zufall, der durch Verwitterung und Überkleben der Plakate ganz neue Sinnzusammenhänge entstehen lässt. Vorgefundene Collagen kombiniert sie nochmals zu hochkomplexen Bildmontagen.
Diese sehr unterschiedlichen Annäherungen an den urbanen Raum werden in der Ausstellung in den Galerieräumen der Neuen Schule für Fotografie in Berlin in einen spannungsvollen Dialog zueinander gesetzt. Gerade die vielfältigen Bezüge zwischen Mensch, Architektur und Medien in ihren sehr subjektiven Ausformulierungen bilden ein komplexes Netz, das dem Bild der Stadt als ein organisches System gerecht wird.

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